Die kurze, nordische Nacht sinkt schon herab, als wir im letzten Tageslicht die Insel im Nordmeer erreichen. Ein halbes Jahr der Vorbereitung, des entgegen Fieberns liegt hinter uns, als wir die ersten Umrisse Islands unter uns entdecken.
So schroff, so wild, so mystisch wirkt das Land der Wikinger von hier oben, dass mir ein Schauer über den Rücken fährt. Ich sehe unter mir die Küstenlinie, wo das Polarmeer weiß schäumend auf junges Land schlägt. Ich erkenne einen Flusslauf, der im letzten Tageslicht hier und da noch ein letztes Mal an diesem Tag aufglitzert.  Er scheint nicht in Eile zu sein, denn er windet sich in unzähligen, verspielten Schlangenlinien seinem einzigen Ziel zu. Dem Meer. Seine Spur verliert sich in den Bergen, wo ich mächtige, schneeweiße Eispanzer auf den Gipfeln des Hochlandes erkennen kann und unter welchen die sagenumwobenen Vulkane nur schlummern, um in Ruhe auf ihren großen Moment zu warten.

Am Horizont hängen tief und drohend weiße Wolkentürme über welchen das Sonnenlicht seine rote Glut ausschüttet. Die Dunkelheit hat in den Sommermonaten nur kurz Gelegenheit, ihren finsteren Mantel über das Land zu werfen, denn schon bald wird die Morgenröte etwas weiter östlich einen neuen Tag verkünden.

Drei Wochen werden wir hier verbringen und die Insel in Nord-Süd-Richtung zwei Mal durchqueren.  Vielleicht werden wir neben vielen anderen Flüssen auch diesen Strom überqueren und vielleicht erzählt er uns seine Geschichte vom Eisesschlaf in den Gletschern, welcher womöglich abrupt endete weil irgendein Vulkan beschloss, seinen heißen Schlund unter eben diesem Stück Gletscher zu öffnen bis das aufgeschreckte Wasser seinen Weg für die Hochzeit mit dem Ozean gefunden hat.

„Ich werde, wenn ich in drei Wochen wieder Zuhause bin, ein anderer Mensch sein“, geht es mir in diesem Moment durch den Kopf und mein Bauch stimmt diesem Gedanken mit einem wohligen, warmen Ziehen zu.
Beide sollten Recht behalten.

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