Wir starten in ein Abenteuer!  Mit dem Auto von Marrakesch aus über den hohen Atlas bis zur Sahara und auf der einsamen Südseite des Jbel Sarhro, einem zum Anti-Atlas gehörendem Gebirgszug, wieder zurück.  Es sollte eine Reise werden, die warme und tiefe Spuren in unseren Seelen zurücklassen würde.

Wir wurden gewarnt!
In ein vom Islam geprägtes Land reisen? Auf eigene Faust? Ausnahmslos alle Reaktionen auf unsere Reisepläne waren durchsetzt von Angst, Ablehnung und Vorurteilen.  Was wir dagegen erleben durften, war das krasse Gegenteil von dem, was uns prophezeit wurde. Nirgendwo sonst auf unseren Reisen haben wir solch offene, freundliche, glückliche und zufriedene Menschen kennenlernen dürfen.  
Fürwahr ein Titan. Seit dem großen verlorenen Kampf gegen den Göttervater dazu verdammt, am westlichen Rand der Welt das Himmelsgewölbe zu tragen. Die Sonne hat den Zenit bereits überschritten und dunkle Wolken hängen an den Gipfeln, als wir Atlas rot zerfurchte Schulter passieren dürfen.
Wir suchen unseren Weg durch die Täler und Ebenen des Hochlandes.
Die Piste, die sich um die roten Hügel windet, ist vom Regen der letzten Nacht aufgeweicht. Die wenigen Siedlungen liegen verschlafen in der Sonne. Die Mauern der Häuser saugen die wärmenden Sonnenstrahlen auf.
Es ist Dezember . Und hier, auf 1800m, sind die Nächte kalt.
Wir stoppen für eine kurze Rast. In der Ferne erheben sich die schneebedeckten Gipfel des hohen Atlas.  Die kleine Siedlung liegt wie ausgestorben vor uns. Nur der Muezzin, der vom nahen Minarett aus seinen Gesang anstimmt, durchbricht die erhabene Stille.
„Allah ist groß“, verkündet er.  Wie recht er doch hat.


Telouet, einst eine glanzvolle, bedeutende Berber-Siedlung,  ist der erste größere Ort, die wir erreichen.  Die breite Hauptstraße durch den Ortskern besteht aus rotem, festgefahrenem Lehm. Nach dem Regen der vergangenen Nacht sind die gewaltigen Schlaglöcher bis zum Rand mit trübem, lehmigem Wasser gefüllt. Vom einstigen Glanz ist nichts mehr übrig und die gewaltige Kasbah, der aus Lehm erbaute Herrschersitz vergangener Tage, zerfällt langsam aber sicher zu Staub.
Im Schritttempo durchfahren wir den Ort. Die eben noch allumfassende Einsamkeit ist hier wie weggeblasen. Der Ort pulsiert förmlich vor Leben.  Es herrscht reger Betrieb vor den Häusern, Werkstätten und Läden. Die Menschen scheinen gelassen. Gleichgültig beobachten sie, wie wir unser Gefährt durch die Straße steuern. Manche heben mit einem Lächeln die Hand zum Gruße. Ich bin fasziniert von den vielen, mir so fremden Eindrücken. 
Telouet, wie auch die höchsten Berge des Atlas liegen hinter uns und die Piste schwenkt auf südlichen Kurs. Sie folgt einem Flußlauf, der sich bald durch ein fruchtbares und palmengesäumtes Tal abwärts schlängelt. Wir stoppen nur kurz. Der Weg ist noch weit bis Skoura und es warten noch zahlreiche, große „Augenöffner“ auf uns.
Es ist später Nachmittag. Die Sonne schickt sich bereits an, die Landschaft in sanftes Abendlicht zu tauchen und die Schatten offenbaren immer deutlicher die geschwungenen Konturen dieser pittoresken Gegend.  Nach und nach erstrahlt alles in harmonischen Variationen von Rot.  An der Oase Taifaste machen wir kurz Rast. Bald werden wir die Straße der 1000 Kasbahs erreichen.
So vieles haben wir über diesen Ort gelesen und gehört, während wir in der Heimat unsere Etappen absteckten. Jetzt liegt er vor uns, dieser magische Ort. Im schönsten Abendlicht erstrahlen die lehmigen Bauten. In 10 Tagen, fast am Ende unserer Reise, werden wir in diesem Gewirr aus Gassen und Türmchen einge Tage Obdach finden. 
300 Km lang ist die erste Etappe von Marrakesch nach Skoura. Es ist der erste Tag unserer Reise und schon sind die Eindrücke gewaltiger, als wir sie uns vorgestellt haben. 
Es dämmert, als wir die Oase Skoura ereichen. Auf den Straßen des kleinen Ortes pulsiert jetzt, nach Sonnenuntergang, das Leben. Der Ort ist in den Staub der Straßen gehüllt. Jetzt wird Autofahren gefährlich. Wenn lichtverwöhnte Europäer auf ganz eigene Verkehrsregeln der Einwohner treffen. Wir sehen sie kaum, die Gestalten auf ihren unbeleuchteten Mopeds, Fahrrädern und Eselkarren. Oft teilen sich ganze Familien die Sitze eines Mopeds.  Wie dunkle Schattenreiter tauchen sie vor unserm Auto auf und oft hilft nur ein beherzter Tritt auf die Bremse, um Schlimmers verhindern.  Inshallah!

In der weitläufigen Oase können wir den Weg zu unserer Unterkunft zunächst nicht finden. Wir kreuzen trockene Flussbetten und quälen unser Gefährt über Schotterpisten, bis wir doch irgendwann vor der Herberge stehen, die uns warmes Essen und ein Bett für die Nacht verspricht. „Der Franzose“, wie wir den symphatischen Hotelier des "Dar Lorkam"  taufen, der grandiose Koch und dessen Frau erwarten ihre einzigen Gäste für die kommenden zwei Nächte bereits.
In Skoura, einer Oase die überwiegend von Berbern bewohnt wird, ist großer Markt. Es herrscht reges Treiben. Viele Händler sind aus den umliegenden Bergen angereist und bieten ihre Waren feil. Es wird alles angeboten, was man zum Leben hier oben braucht. Von der Kunststoff-Wasserflasche bis zum gebrauchten Motorradreifen ist alles zu finden. Vor allem aber Gemüse, Gewürze und Kleidung. Auch hier pulsiert des Leben förmlich. Jeder ist mit jedem im Gespräch. Es wird gelacht, gehandelt, Hände geschüttelt und gerdet. Eine unglaublich dichte, dynamische und gleichzeitig gelassene Athmosphäre herrscht hier zwischen den Menschen.  Wir lassen uns durch die Gänge treiben und genießen die Düfte, die um unsere Nasen wehen.
Eigentlich spielen sich die ganzen Episoden des alltäglichen Lebens meist nur unter Männern ab. Männer schütteln Hände. Mäner handeln, Männer dominieren die Straßen, die Teestuben und Plätze. Auch das Männer Arm in Arm unterwegs sind und sich leidenschaftlich Begrüßen und Verabschieden, scheint hier ganz normal zu sein.  Die Frauen dagegen agieren mehr im Hintergrund. Zumeist mit Kopftuch und in Burkas verhüllt, huschen sie über die Straßen. Die Rollenverteilung ist hier in Stein gemeißelt und mehr als deutlich zu erkennen. Und doch strahlen die Frauen hier großen Stolz und Würde aus. Während die Männer mit Gleichgültigkeit reagieren, wird eine unverhüllte, fremde Frau, mit Haaren wie Feuer mit Argwohn von diesen stolzen Frauen beobachtet und oft schleudern sie ihr vernichtende Blicke wie Speere hinterher. Sie fassen ihre Kinder fester bei der Hand und zerren sie schnell weiter. Als hätten sie Angst, dass die Kinder beim Anblick der personifizierten Sünde sofort verdorben würden. Andere Frauen wiederum ziehen ihr Kopftuch tiefer in das Gesicht, so als wollten sie sich vor dieser sündigen Ausstrahlung  schützen. Doch offen angefeindet wird sie nicht.
Ich bin derjenige, der von ihnen offen die Leviten gelesen bekommt. Eine dieser stolzen Frauen baut sich vor mir auf und auf rohem, grollendem Arabisch werde ich  von ihr zurechtgewiesen. Ich verstehe natürlich kein Wort. Aber die Wucht der Laute, die Gestig und die blitzenden Augen sprechen eine klare Sprache: Wie, in Allahs Namen, kannst du deine Frau so umherlaufen lassen? 

Das könnte dich auch interessieren.

Back to Top